Ich habe ein Knalltrauma. Von Silvester. Während die anderen um Mitternacht das Feuerwerk zünden, drohe ich alljährlich zu implodieren. Der Jahreswechsel und seine Folgen.
Es war einer dieser warmen Sommerabende im Juli. Wir grillten bei Freunden. Dann die Frage: „Was machen wir eigentlich Silvester?“ Ich verschluckte mich fast an meinem Würstchen. Diese Frage finde ich schlimm. Vor allem, wenn es in diesem Moment nach Grillkohle und Sonnenmilch riecht. Die Antwort kam prompt. „Spieleabend und Raclette?“ Der Fluchtreflex folgte. Ich bin noch nicht 60 und auch nicht mehr 16. Lediglich in diesem Alter ein adäquater Plan. Genauso furchtbar finde ich kollektive Flatratepartys für 100 Euro mit freien Berlinern um Mitternacht und platzangstfördernde Menschenansammlungen rund um Wahrzeichen von Großstädten. Zu ambitioniert sind Kurztrips nach Paris, Barcelona oder London, eine Spur zu verzweifelt der DVD-Abend unter Singles.
Wie jedes Jahr weiß ich so kurze Zeit vorher immer noch nicht, was ich an Silvester vorhabe. Am liebsten würde ich mir ein Schild umhängen, um den lästigen Fragen zu entgehen. „Silvester nix vor. Freue mich über kreative Vorschläge. Aber Achtung: explosives Thema,“ würde ich draufschreiben.
Keine Ahnung, wann ich traumatisiert wurde. Die letzte coole, unbeschwerte Party ist schon mindestens ein Jahrzehnt her. Seither begegne ich diesem Tag jedes Jahr erneut mit Unbehagen. Vielleicht hat es mit diesem steten Wandel zu tun. Beruflich neu orientieren. Liebestechnisch ausgewechselt worden. Unterschiedliche Pläne, schlechtes Timing, der Wunsch oder der Drang, Dinge zu ändern, um akuten Zuständen zu entfliehen. Themen wie diese sind jedes Jahr schon vor Silvester da. Doch sie ruhen und schwelen über Monate, werden vertagt und weggewischt. Am letzten Tag des Jahres tun sich dann unweigerlich die Abgründe auf. Die Gefühle, die ich mit mir herumgeschleppt habe, drohen beim Jahreswechsel mit einem lauten Knall in meinem Inneren zu implodieren. Und das fühlt sich wirklich schrecklich an. Oder war es irgendwann mal schön? Lieber würde ich in der Vergangenheit schwelgen. Oder wünsche mir die Zukunft herbei. Aber ich habe das Gefühl: Ich stecke im Hier und Jetzt fest! Und da lässt es sich für mich nicht besonders gut aushalten, wohler fühle ich mich zeitversetzt, egal, ob nach vorne oder nach hinten. Und wurscht, ob ich am 31.12. auf dem Michel stehe, über die Elbe schippere oder ein romantisches Candle Light-Dinner mit meinem Schöngeist erlebe – der große innere Knall kommt bestimmt.
Die unbequeme Wahrheit drängt sich mir auf, wenn der Sektkorken knallt. Ich ziehe Bilanz. Spüre deutlich, wo der Schuh drückt oder ob die Hose von der Weihnachtsgans kneift. Aber ich fühle mich ja sowieso wie ein Knallbonbon, also was soll’s. Und kann das nicht einmal in Vorsätze kanalisieren, weil ich die genauso bescheuert finde wie Silvester selbst. Eigentlich hilft nur: Sektglas ansetzen, immer ordentlich nachfüllen – und die düsteren Gedanken wegtanzen. Möglichst oft spülen mit Wasser und dann noch eine Kopfschmerztablette hinterherwerfen. Dann spüre ich die Nachwehen nicht ganz so sehr. Schon am dritten Januar ist alles wieder gut. Geht es Ihnen ähnlich? Wie begehen Sie das neue Jahr – innerlich wie äußerlich? Ich wünsche Ihnen einen frohen Rutsch ohne großen Knall! Und werde berichten, wie ich mein Silvester verbracht habe.
Ich freue mich auf ein fröhliches 2012 mit Ihnen!
Ihr Fräulein Wunder