Wenn der Schlüsselbund ein wenig leichter ist und das Herz ein wenig schwerer...
Aufräumen ist angesagt. Nach einigen Tagen der Schockstarre, der Herzaussetzer und Gedankenspiralen, die ausschließlich abwärts gerichtet waren. Fotos von ihm umgedreht in die Schublade, erstmal. Ich entdecke das Massageöl auf dem Nachtschränkchen, das in den letzten Wochen unangetastet geblieben war, und bringe es ins Bad. Überlege, ob ich es vor oder hinter die Sonnenmilch stellen soll. Was werde ich zuerst brauchen? Kaum vorstellbar, dass mich wieder ein Mann massiert, bevor der erste Sonnenbrand droht. Gefühle sind gefährlicher als UV-Strahlen. Ich verbanne das Öl in die hinterste Ecke des Schrankes.
Eine seiner Boxershorts frisch gewaschen in den Tiefen meines Wäschekorbes. Herzstillstand und Atemnot. Das kommt davon, wenn man seine Textilberge nicht im Griff hat. Ich sollte Wäsche sortieren. Stattdessen versuche ich, dasselbe mit meinen Gefühlen zu tun. Aber die bilden ein noch viel größeres Chaos als der Wäschehaufen. Oder die Geschirrstapel in der Küche oder die Taschentücherknäuel auf dem Boden.
Heute ist Sonntag. Mein erster Single-Sonntag seit zehn Monaten. Ich kenne das Gefühl, es fühlt sich nicht einmal fremd an. Als hätte ich einen Schalter umgelegt. Wieder Single. Frei. Unabhängig. Keine Kompromisse mehr. Aber auch keine Pasta à la Pärchen. Dafür Fitnessstudio und wieder Salat am Abend. Keinerlei Verführung mehr in jeglicher Hinsicht.
Ich schaue nach draußen, die Sonne scheint. Single-Sonntage, an denen die Sonne scheint, sind die schlimmsten. Ich packe meine Sporttasche und entscheide mich für Pilates und Sauna in geschlossenen Räumen. Der Bus fährt mir vor der Nase weg, das Fahrrad hat einen Platten. Okay. Also doch eine Runde im Park drehen, die Januarsonne im Gesicht. Sie strahlt mir hell ins Gesicht, doch sie wärmt nicht. Unzählige Paare kreuzen meinen Weg. Familien mit Kindern, Hunden, Großeltern. Einige Singlefrauen mit Kopfhörern, allein oder mit ihrer Singlefreundin. Was machen Singlemänner sonntags so bei Sonnenschein?
Dann und wann schaue ich auf mein Handy. Und jedes Mal erscheint es mir undenkbar, dass Menschen sich darüber freuen, wenn es sich an einem Sonntag mal nicht rührt. Es sind vermutlich keine Singlemenschen. Ich trete den Rückzug an, mit dem Schlüsselbund in der Hand, der auf einmal so viel weniger zu wiegen scheint. Denn es fehlen zwei Schlüssel, die zu meinem vorherigen Pärchenleben. Ich schließe meine frischgebackene Singlewohnung auf. Sie ist nach Norden gerichtet. Da fällt der Sonnenschein draußen fast gar nicht auf.
Ich werde einfach so tun, als würde es regnen. Vorhänge zu, Kühlschrank auf, Fernseher an. Lieblingsserie in den DVD-Player schieben. Ich starte bei Staffel 1. Noch mal anfangen. Erste Episode: Lernen, Sonntage zu ertragen.
Wenn Sie diesen Artikel lesen, habe ich sogar schon den Montag überlebt. Und der erste Single-Dienstag ist in vollem Gange. Die Ära der Premieren bricht wieder an. Also habe ich meine erste Fernreise gebucht. Nach China. Dort lässt es sich sicherlich hervorragend wundern. Nicht nur über die Liebe… Lassen Sie sich überraschen! (Ich bin auch schon sehr gespannt.)
Ihr Fräulein Wunder