Erwarten Sie nicht, dass Ihnen Ihr Partner alle Wünsche von den Augen abliest. Sie müssen offen kommunizieren!
Ein weggelassenes "Wir", nicht mal ein kleiner Gruß auf dem Schreibtisch, nur fünf Minuten Küssen, das Warten auf Rückmeldung zur Geburtstagsplanung, die Absichten, beruflich nach Venedig zu fahren ohne ein "Willst du mit?"…
In Linea türmten sich ungute Gefühle auf, weil sie Zarek in der letzten Zeit als wenig zugewandt und einfühlsam erlebte. Sie fühlte sich in ihren Bedürfnissen nicht genug gesehen. Jedoch schwieg sie dazu, wartete beobachtend ab. Als Zarek von seinen Plänen sprach, im Herbst seine beste Freundin in New York zu besuchen, lief bei ihr das Fass über. "Kannst du mich bitte mehr mit einbeziehen? Wir haben schon so wenig Zeit miteinander." Viele Vorwürfe aus den letzten Wochen folgten, die sich aufgestaut hatten. Ihr Freund fiel aus allen Wolken und konterte: "Das hättest du mir ja mal früher sagen können, wie du das alles empfindest, ich habe davon nichts gemerkt."
In der Beratung haben wir an Lineas Erwartungen gearbeitet, welche Maßstäbe sie an die Liebe setzt und welches Verhalten ihres Freundes ihr vermittelt, geliebt zu werden. Ihr Kernsatz war: Wenn er mich liebt, dann muss er das doch fühlen! Nein, muss er nicht und es ist kein Zeichen für zu wenig Liebe, wenn er ihre Gedanken im Kopf nicht lesen kann. Ich nenne das "Glaskopf-Syndrom". Dieses typische Verhalten zwischen Partner hat nicht zwingend etwas mit fehlender Bereitschaft zu tun oder Nicht-Wollen. Sicherlich ist der Wunsch, in einer Partnerschaft angemessen in seinen Bedürfnissen gesehen zu werden, berechtigt. Doch die Forderung nach allumfassender Telepathie ist ein zu hoher Anspruch. Wer ahnt denn immer gleich, dass die Freundin am Morgen noch mehr Kuscheln braucht, wenn sie da so im Bett neben einem liegt und sich nichts sehnlicher wünscht, als die Initiative des Freundes, sie noch einmal leidenschaftlich zu küssen. Woran kann man erkennen, das hinter dem Satz "Ich vermisse dich" Angst und Unsicherheit bei einem der Partner steckt, obwohl der andere sich seiner Gefühle und Liebe zu ihm sicher ist und diese seiner Meinung auch genug zeigt.
Wir erwarten häufig sehr viel von unserem Partner. Geht es um Gefühle, erwarten wir vieles implizit, ohne es klar zu sagen. Die meisten Partnerschaften scheitern an unterschiedlichen Erwartungen und vor allem an unausgesprochenen! Aber warum äußern viele ihre Erwartungen nur zögerlich? Dahinter steckt meist die Angst, den anderen unter Druck zu setzen. Aber auch, mit der Äußerung als Kritik und Forderung wahrgenommen zu werden und dadurch in die Konfrontation zu gehen. Das schafft Distanz, die wir nicht wollen. Besonders aber graut es uns davor, mit unseren Wünschen und Bedürfnissen nicht verstanden, im schlimmsten Fall sogar zurück gewiesen zu werden. Das kränkt und verletzt. Und verunsichert, dem anderen das nicht wert zu sein.
Doch was ist der Preis, still und leise zu hoffen, gehört, gesehen und wahrgenommen zu werden? Innere Unzufriedenheit. Zudem nimmt es dem Partner die Möglichkeit, sich damit auseinanderzusetzen, darüber zu reflektieren oder gar einsichtig anders zu verhalten. Bleibe ich still, lasse ich diese Chance ungenutzt. In Folge wächst meine Unzufriedenheit und ich setze die Beziehung zunehmend aufs Spiel. Die innere Dissonanz raubt auf Dauer zuviel Energie. Anstatt mit dem Partner in die Klärung zu gehen, warten viele zu lange, Fronten verhärten sich, negative Sichtweisen engen den Blick ein und lassen kaum mehr positives Erleben zu. Der subjektiv gefärbte Blick sucht nur noch nach Bestätigung für das negative Gefühl. Eine gefährliche Dynamik. Einige sehen im heimlichen Ausbrechen eine Lösung, suchen sich Ersatzbefriedigung oder steigen aus der Beziehung aus, wenn die Kränkung unaushaltbar scheint.
Bevor es soweit kommt, ist der konstruktivere Weg, vorher "Das wünsche ich mir – Schild" deutlich hochzureißen. Also: Appelle klar formulieren, sagen, was man braucht und was einem fehlt, nicht erwarten, der andere ließt Gedanken. Schließlich ist das Weg und Chance, mehr von einander zu erfahren. Und im besten Fall ist das Gewünschte sogar deckungsgleich mit den Bedürfnissen des Partners.
In der Partnerschaft erwarte ich durch die Vertrautheit und Nähe, dass meine Bedürfnisse auch ohne Worte erkannt werden. Ich erwarte von meinem Partner Einfühlungsvermögen im täglichen Umgang und in der Auseinandersetzung. Ohne Empathie ist eine ernste Beziehung für mich nicht möglich. Es bedeutet nicht für ihn meine Bedürfnisse und Erwartungen vorhersagen zu können. Der tiefe Wunsch den Partner wirklich zu verstehen sollte Motivation genug sein und ist außerdem Grundlage für jede Beziehung zwischen den Menschen.
Die Liebe und die Erwartungen aneinander. Das ist so eine Sache. Wieviel ist gut, wie viel ist zu viel?
Auf jeden Fall ist es nicht der richtige Weg, seinen Partner dafür zu kritisieren, dass er nicht alle meine Bedürfnisse erfühlt, vor allem nicht, wenn ich sie nicht zeige oder sie zu verstehen gebe. Es liegt in meiner Verantwortung zu zeigen, was ich mir wünsche. Auch sexuell.
Es gibt eben mehr oder weniger einfühlsame Menschen und ich darf nicht von mir auf andere schließen. Wann es für mich problematisch ist, ist der Zeitpunkt, an dem ich meine Bedürfnisse äußere, zeige, was ich brauche und wonach ich mich sehne, mein Partner das versteht und auch sagt, aber dann doch nicht auf mich eingeht. Also sich nicht verändert, nicht lernt. Dann beschleicht mich das Gefühl, dass er es gar nicht wirklich will und auch mir zur Liebe nicht.
Liege ich da falsch?
Ich jedenfalls finde es erfüllend, auf die Bedürfnisse meines Partners zu achten. Nicht in Selbstaufgabe und in völligen Ungleichgewicht. Aber es ist meine Art, dem anderen zu zeigen, wie wichtig er ist. Dafür muss ich mich gar nicht anstrengen, dass kommt einfach so aus mir heraus.
Ich halte mich da für ausgeglichen. Denn begegne ich einem ignoranten Menschen, einem Egoisten, der mich nicht sieht, merke ich das auch irgendwann und ziehe mich zurück.
Die Liebe, sehr seltsame Sache!
Ihre Emilie
Nun – ich gebe Euch beiden Recht, denn ich habe selbst schon erlebt, wie es ist, wenn zwei Menschen sozusagen synchron sind und man sich sehr gut versteht. Allerdings war es dann mit der Treue nicht sehr weit her, weil "er" dachte, dass wir uns so gut verstehen, dass diese Liebe das übersteht – wenn nachher die Entschuldigung kommt und das "ich liebe doch nur dich".
Das andere ist, wenn der Partner sich quasi nicht öffnet und Du überhaupt nichts aus seinem Leben erfahren darfst, wie z.B. Verwandte, Freunde oder noch intimer beim Sex und dann noch ein Frageverbot – fürchterlich. Du liebst diesen Menschen – möchtest ihn glücklich machen und er läßt dich permanet im Dunkeln tappen. Redet immer um den heißen Brei rum, sagt nichts Konkretes – erst wenn du was falsch gemacht hast, was aber beim nächsten Mal dann doch wieder anders ist. Das ist wie wenn du in eine Nebelwand reinfährst und entweder dich erwartete ein Stau oder Unfall oder es erwartet dich am Ende Sonnenschein. Wenn derjenige dann noch täglich ohne Begründung seine Meinung ändert ist es völlig aus. Du weißt nie wo du dran bist und kannst dich auf nichts einstellen. Leider gibts diese Leute, die sich nie – nie – nie mit ihrer Meinung festlegen wollen. Schade, denn sie schaden sich selbst…