Welch ein Anblick! Ich bog um die Ecke, da lehnte Cord schon lässig an der Hauswand, auf mich wartend. Als wir uns zur Begrüßung einen Schmatz auf die Wange drückten und gemeinsam den Weg in die schickste Bar unseres Stadtteils antraten, waren mir die neidischen Blicke aller Mittzwanzigerinnen sicher.
Denn Cord ist verdammt jung (24 und damit auffällige zehn Jahre jünger als ich) und extrem gutaussehend. Warum so ein Teufelskerl sich mit einer Mittdreißigerin trifft, die mittlerweile wirklich von jedem noch so coolem Szene-Typen gesiezt wird? Nun, er steht wie ich auf Jungs, die genauso attraktiv sind wie er. Und das ist nicht unsere einzige Gemeinsamkeit.
Ich drückte ihm die dritte Staffel „Sex and the City“ in die Hand, die er bei unserem letzten Mädelsabend bei mir vergessen hatte. Cord und ich hatten unlängst festgestellt: Wir sind beide Carrie Bradshaw! Das verbindet. Nun saßen wir da, mit unserem Milchkaffee an einem schönen freien Nachmittag, über das Leben und wie immer vor allem über die Liebe philosophierend. Ich war seit einigen Wochen bereits mal wieder einem Mann meines Beuteschemas erlegen. Cord kannte mein aktuelles Date sogar, Marke sensibler Schöngeist, waren wir uns doch neulich über den Weg gelaufen. „Ein schnuckeliger Typ. Würde ich nicht von der Bettkante stoßen. Er hat so eine weiche, liebenswerte und tollpatische Art.“, schwärmte Cord. Schon wurde ich stutzig, wieso fand Cord mein Date süß? „Aber meinst du nicht, dass er schwul sein könnte?“, fragte er weiter. Ich überlegte. „Nein! Oder, warte… doch!“
Ich stehe dazu: Am liebsten verliebe ich mich in Männer, die inhaltlich meine beste Freundin sein könnten. Die wissen, was ich mit der Farbe Brombeer meine, die belesen und höflich sind, Fußball verzichtbar bis doof finden, genug Stilbewusstsein haben um darüber zu urteilen, ob meine Tasche zu meinem Outfit passt – und die für all diese Eigenschaften von ihrer Umwelt meist in die Kategorie „homosexuell“ gesteckt werden. Die größte Angst von Singlefrauen mit diesem „2 in 1-Beuteschema“ ist wohl, mit diesen Vorlieben versehentlich an jemandem zu geraten, der selbst noch nicht weiß, dass er nicht nur auf die Lieder von Marianne Rosenberg, sondern auch auf Männer steht. Der uns erst die große Liebe verspricht, um dann mit 45 mit dem Handwerker durchzubrennen. „Wie kann ich merken, ob ein Mann einfach nur eine ausgeprägte weibliche Ader hat oder vielleicht doch insgeheim Männer liebt?“, fragte ich mich.
Und schon waren Cord und ich, umringt von Latte Macchiato-Mamis und ihrem Nachwuchs, mitten drin im „Sex and the City“-Talk. Zum Glück erinnerten wir uns an die Strategie, wie unsere New Yorker Freundinnen – ebenfalls von neugierigen Kinderohren umgeben – eindeutige Sexgespräche führen konnten. Wir bedienten uns einer besonders kreativen Metaphorik. „Ein Schwuler, der mit einer Frau ‚ausmalen’ will, hat ein Problem. Er kann mit Sicherheit den Stift nicht gerade halten, wenn er gerade seine sexuelle Natur verleugnet.“ Cord hatte es auch schon mit Frauen versucht. Und festgestellt, dass er seinen Pinsel lieber nicht in den pinkfarbenen Tuschkasten halten will – falsche Farbfamilie. Doch was ist mit den Beispielen jener homosexuellen Männer, die erst Kinder zeugen und dann ihr spätes Coming Out haben? Da muss der Pinsel doch irgendwie Tusche gelassen haben!
Und weil wir beide darauf keine Antwort haben, fällt mir etwas anderes passend zum Thema ein: „Meine neue Küche streiche ich übrigens in einem total tollen Brombeer-Ton!“
„Brombeer? Wie soll das aussehen? Das ist eine Frucht und keine Farbe! Ich bin schließlich ein Mann …!“ Ich stelle fest, dass Cord zwar „Sex and the City“ toll findet, aber keinen blassen Schimmer hat, dass „Brombeer“ eine total modischer Beerenton zwischen fuchsia und violett ist. Typisch männlich! Und als beim Milchkaffeetrinken und Philosophieren noch ein Handyklingeln ins Spiel kam, stellte ich fest, dass Cord es nicht so hat mit Multitasking. Ein echter Kerl halt. Und meine neue Eroberung? Kann beim Coq au Vin-Kochen mit Leichtigkeit über das Lebenswerk von Albert Schweitzer referieren und gleichzeitig wahrscheinlich auch noch drei Hemden bügeln! Eigentlich typisch weiblich, möchte man meinen. Doch beim Ausmalen, da ist alles anders. Da malt er immer über den Rand, um es mit Carries Worten zu sagen. Toll, dieses „2 in 1“-Beuteschema.
Ihr Fräulein Wunder