Gefragt, wie sie einem Gehörlosen ihre Musik beschreiben würde, antwortet Anna Depenbusch, sie sei wie Holz oder noch besser, wie Nudeln mit Tomatensoße oder vielleicht doch eher wie Handschuhe, die man im Winter in der Tasche findet, obwohl man sich eigentlich schon sicher war, man habe sie vergessen. So vielschichtig, persönlich und poetisch wie diese Antwort sind ihre Songs tatsächlich.
1977 in Hamburg geboren, stand sie bereits im zarten Alter von zehn Jahren mit ihrer ersten Band auf der Bühne. Fairerweise sollte man erwähnen, dass es nicht ihre eigene Band war, sondern die ihres Bruders, der mit Masern im Bett lag. Dennoch war dieses Erlebnis prägend: "Ich habe mich nie irgendwann dazu entschieden Musikerin zu werden, ich habe es von Anfang an gewusst. Die Musik hat mich ausgesucht. Nicht ich sie", sagte sie in einem Interview.
Der musikalische Weg
Ihr Weg war somit vorbestimmt. Sie studierte Gesang und Schauspiel in Berlin und Hamburg und bekam schließlich den Kulturpreis "Musikerinnen 2000" für elektronische Kompositionen. Es folgten Sound-Designs und Remixe für bekannte Jazz-Kollegen und das Thalia Theater in Hamburg. Sie war in unterschiedlichen Bands als Background-Sängerin anzutreffen, darunter so große Namen wie Orange Blue, Stefan Gwildis oder Udo Lindenberg.
Endgültige Gewissheit, dass sie eine eigene Platte machen wollte, brachte ihr ein dreimonatiger Aufenthalt in Island. Und zwar im Winter. Dieser mystische Ort voller Geheimnisse und sagenumwobenen Gestalten, aber auch die kreative Musikszene der Insel inspirierten sie sehr.
Also erschien im Herbst 2005 endlich ihr Debüt-Album "Ins Gesicht". Die ersten Ideen dazu hatte sie mit dem Computer selbst aufgenommen. Mit diesen noch sehr elektronisch geprägten Demos im Gepäck machte sie sich auf die Suche nach Musikern, um das Ganze letztendlich ins Studio zu bringen. Herausgekommen ist ein wunderbares Album einer talentierten Sängerin und Songschreiberin.
Inspirationen aus dem Inneren
Woher sie ihre Ideen bekommt, weiß Anna Depenbusch selbst nicht so genau. Musikalische Impressionen oder zufällige Begegnungen versucht sie in ihren Liedern voller Melancholie und Herzschmerz festzuhalten. Vieles davon ist selbst erfahren und das hört man den Texten an. Doch sie zwingt sich, zu diesen eigenen Erfahrungen einen gewissen künstlerischen Abstand zu gewinnen, um dann einen Song daraus zu machen. Genau diese Mischung aus Professionalität und Persönlichkeit machen ihre Lieder so persönlich und eindringlich ohne kitschig zu sein.
"Ins Gesicht" ist somit eine Art musikalischer Biografie der Sängerin, die glaubt, dass es eine gehörige Portion Persönlichkeit und Authentizität braucht, um ausgetretene Pop-Pfade glaubhaft verlassen zu können. Das gelingt ihr zweifellos mit ihren Liebesliedern über Freundschaft, das Verliebtsein, aber auch das Verlassen und Verlassenwerden. Sie singt auch über ihre Heimat und die Natur. Schnörkellos, poetisch und wunderschön.
Zu den Gefühlen stehen
Selten, dass sich eine Sängerin traut, so ehrlich zu ihren ganz persönlichen Gefühlen zu stehen und dabei nicht zu befürchten, peinlich zu sein. Im Titel-Song des Albums "Ins Gesicht", beginnt der Refrain mit den Worten "Ich liebe dich". Anna musste während der Aufnahmen regelrecht dafür kämpfen, das genauso singen zu dürfen. Das sei peinlich, hieß es und viel zu ehrlich. Damit würde sie sich angreifbar machen. Für Anna war das jedoch kein Problem, denn genau dadurch und durch ihre ausdrucksstarke Stimme entsteht in ihren Songs diese Nähe und Eindringlichkeit.
Anna Depenbusch ist schwer einzuordnen. Irgendwie Pop, dann doch wieder mehr Jazz. Ein großes Talent. Man spürt die Melancholie, die Herbstkind Anna in sich trägt. In Stücken wie "Heimat" klingt das so sehnsuchtsvoll und bezaubernd, so selbstbewusst und zerbrechlich zugleich, dass man nur ergriffen aufseufzen kann und sich auf weitere Werke dieser Künstlerin freuen.
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