Kasse 53 in einem großen technischen Kaufhaus. Hier sammelt der namenlose Kassierer, Ich-Erzähler des Romans, Eindrücke aus dem Leben um ihn herum, ohne selbst daran Teil zu nehmen.
"Menschen, neben-, vor-, hintereinander herlaufend, strömen, selbst im größten Gewühl dabei einander nicht berührend, kaum einmal streifend, durch breite, gläserne Schwingtüren in den Laden, schwärmen, gefolgt von den ihnen nachströmenden Menschen, einzeln, im Pulk, als Paar, andere überholend, von anderen überholt werdend, aus, dir entgegen, an dir vorbei."
Und mitten in diesem Strom der Anonymität der Erzähler. Er ist einer unter vielen Mitarbeitern "blassblau-weiß gestreifte, langarmige Firmenhemden. Wie alle Mitarbeiter trägst du eine Krawatte deiner Wahl, in diesem Fall eine mit schwarz-lila-silberfarbenem Rhombenmuster." Und so sitzt er an der Kasse und bedient die Kunden, bzw. kassiert ihre Einkäufe. Immergleichen Gespräche führend, immergleichen Fragen stellend.
Eine Tüte?
"Eine Tüte?" – Eine an sich einfache Frage, die sich mit Ja oder Nein kurz und knapp und vollkommen ausreichend beantworten ließe. Der Erzähler listet dennoch eine endlos scheinende Liste von Antworten auf, die er gesammelt hat. "Bitte, gerne. Danke, nicht nötig. Heute mal. Heute nicht. Weil heute Montag ist. Montags nie. Von mir aus. Vielleicht später. Bevor ich mich schlagen lasse. Wenn sie eine hätten. Unbedingt. Großartig. Yo. Das wäre sinnvoll." Und so weiter.
Was sind das für Menschen, die dort einkaufen? Wir sehen sie nur in einem kleinen Ausschnitt und dennoch fein gezeichnet und gut getroffen. Der Kassierer als Ethnologe. Nils Mohl, 1971 in Hamburg geboren, arbeitet inzwischen in der Werbung. Doch während seines Studiums jobbte er tatsächlich einmal in Deutschlands größtem Technik-Kaufhaus, das er in seinem Debüt-Roman so treffend beschreibt. Er weiß also ganz offensichtlich sehr gut, wovon er schreibt.
Deshalb ist "Kasse 53" so spannend. Aber auch deshalb, weil Mohl eine außergewöhnliche Sprache und Erzählweise wählt, die das Buch so speziell macht. Die Schilderung von Kassiervorgängen wechselt sich mit Lexikoneinträgen und erzählten Teilen ab. Die Konsumwelt wird dargestellt, wie sie ist: unpersönlich, schattenlos und oberflächlich. Dennoch schafft es der Autor, den Leser unter diese Oberfläche schauen zu lassen. Und dass, obwohl das Buch eigentlich keine lineare Handlung hat, keine Spannung.
Der Nächste bitte
Vor allem die scheinbar auf den ersten Blick wenig spektakuläre Typisierung und unausgesprochene Kategorisierung der einzelnen Kunden, denen der Kassierer nur bei den kurzen Bezahlvorgängen begegnet, macht das Buch so klug und witzig. Mohl kommentiert sozusagen zwischen den Zeilen und das macht die Faszination und die Erzählkunst von "Kasse 53" aus.
Ein Buch für anspruchsvolle Leser, die auch bei gehobener Unterhaltung nicht auf den Spaß verzichten möchten. Nils Mohl, vollkommen zu Recht bereits mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, gehört definitiv zu den jungen Autoren, auf deren weitere Werke wir gespannt sein dürfen. Wenn Sie das Buch kaufen und Sie an der Kasse gefragt werden, ob Sie eine Tüte möchten, überlegen Sie sich vorher, was genau Sie antworten werden.
>> Bestellen können Sie das Buch hier