Beginnt man eine Rezension mit Ausführungen zu einem anderen Buch, könnte man meinen: "Setzen, Sechs. Thema verfehlt." Doch das vorliegende Buch "Alle sieben Wellen" von Daniel Glattauer lässt einem, im positiven Sinne, keine andere Wahl. Zu eng ist die Verknüpfung zu dem Vorgänger "Gut gegen Nordwind".
Sie vermuten, dass es sich um einen Ratgeber zur gesundheitlichen Vorsorge an stürmischen Herbsttagen handelt? Weit gefehlt. Dreh- und Angelpunkt ist die Frage: Haben Sie schon mal im Internet oder per Mail geflirtet? Oder sind Sie gar einen Schritt weiter gegangen und haben sich in einen Menschen verliebt, den Sie noch nie zuvor persönlich gesehen haben? Undenkbar?
Kleine Retrospektive
Der österreichische Schriftsteller Daniel Glattauer kann sich so eine Begebenheit sehr wohl vorstellen. "Gut gegen Nordwind" heißt sein erster Roman, der im Stil einer E-Mail verfasst ist. Er beschäftigt sich mit eben diesem Thema: Emmi und Leo, eine verheiratete Frau und ein alleinstehender Mann, lernen sich zufällig aufgrund eines Buchstabendrehers in der E-Mail-Adresse kennen. Was darauf folgt, ist ein virtueller, kommunikativer Schlagabtausch über Gefühle, Sehnsüchte, Erotik und geheime Wünsche, sodass der Leser nur ein Bedürfnis verspürt: ein reales Treffen zwischen Emmi und Leo zu organisieren. Das klappt auch – fast. Wäre da nicht wieder die Unfähigkeit der Protagonisten, sich einfach ihrer Neugier hinzugeben und nicht alle Für und Wider-Argumente akribisch gegeneinander abzuwiegen. Soll man tatsächlich die Anonymität des WorldWideWeb hinter sich lassen und sich leibhaftig offenbaren? Nur um Gefahr zu laufen, dass die wunderschönen Assoziationen, die sich im Laufe der Dialoge aufgebaut haben, mit einem Schlag zerstört und entglorifiziert werden? Nein, das kann nicht sein. Leo entzieht sich der Verantwortung und reist, vielmehr flieht, nach Boston. Die E-Mail Bekanntschaft bricht ab und der Leser förmlich zusammen – unter der Frage: "Das soll es gewesen sein?"
Die Fortsetzung
Lange Zeit gab es für Autor Glattauer nur eine Antwort: "Ja, das war's!" Schließlich sei das Ende der Endgültigkeit nicht zu überbieten und eine Idee würde nicht besser werden, bloß weil man sie ein zweites Mal hat. Er hatte wohl nicht mit dieser enormen Flut an Danksagungen, positiver Kommentare und Zuspruch für eine Fortsetzung gerechnet, die die Veröffentlichung von "Gut gegen Nordwind" im Jahr 2006 auslöste.
Das Intro der Fortsetzung "Alle sieben Wellen" beinhaltet zunächst einen kleinen Auszug der Leserbriefe an den Autor. So heißt es in einem:
Betreff: Gut gegen Nordwind
Sehr geehrter Herr Glattauer, (…) kennen Sie das, wenn man noch eine Gänsehaut hat vom Lesen und das Buch einfach nicht aus der Hand legen möchte, obwohl es schon zu Ende ist? So war das jedenfalls gestern…
Herzlichst, Ihre Anna.
E-Mails: Quirlig und spontan
Lange konnte der Autor, dem handschriftliche Briefe selbst zu langsam und zu träge sind und der deswegen quirlige und spontane E-Mails bevorzugt, seinen Widerstand nicht aufrechthalten. Seit Februar 2009 können sich die Leser über eine Fortsetzung der komplizierten Geschichte zwischen Emmi und Leo freuen. Emmi ist immer noch mit ihrem Mann verheiratet, doch kann sie Leo nicht vergessen. Zu intensiv und aufregend war der E-Mail-Kontakt, diese distanzierte Intimität. Zu aufregend ist die nagende Ungewissheit, ob Leo sie auch in Wirklichkeit aus der Bahn werfen würde – mit seinem Aussehen, mit seinem Charme, mit seinen Ansichten. Immer wieder versucht sie ihn zu kontaktieren, allerdings werden ihre E-Mails nur vom Systemmanager empfangen und mit den automatisch generierten Antwortmails recht einsilbig beantwortet. Unbefriedigend. Doch eines Tages: Leo ist zurück aus Boston und antwortet. Beiden erscheint es, als ob Leo nie weg gewesen wäre. Schnell ist die bekannte Vertrautheit wieder da, was nur einen Schluss zulässt: Ein Treffen muss her. Trotz anfänglicher Zögerungen auf beiden Seiten, kommt es tatsächlich zu einer Begegnung zwischen Emmi und Leo. Eine Begegnung mit turbulenten Folgen und einem ähnlich überraschenden Finale, wie im ersten Band. Dass sich der Leser wieder fragen kann: Ist es tatsächlich das Ende?
So authentisch, wie das wahre Leben
Viele fragen sich, warum ein Buch, was einer einzigen, langen E-Mail gleicht, so erfolgreich sein kann? Die Antwort liegt auf der Hand: Es ist die Authentizität, die überzeugt. Die Liebesgeschichte könnte aus dem wahren Leben gegriffen sein. Bekanntschaften über virtuelle Plattformen zu pflegen und zu intensivieren, gehört mittlerweile zum Alltag. Vorteil: Man kann Dinge aussprechen, die man sich vis-a-vis nie trauen würde. Herrlich voyeuristisch kann der Leser Emmi und Leo zuschauen, wie sie sich selbst zermürben und mit ihren Konflikten hadern. Schaffen Sie es trotzdem, die gesellschaftlichen Konventionen hinter sich zu lassen und zusammenzufinden? Wollen sie das überhaupt? Plus: Der E-Mail-Stil zieht den Leser sofort in den Bann. Kurz, knapp, knackig. Also auch für Lesemuffel unbedingt empfehlenswert. So schnell werden 222 Seiten nie wieder wie im Fluge vergehen.
>> Bestellen können Sie das Buch hier