Partnersuche

Liebe auf den ersten Blick ist kein Mythos, aber selten. Eine Studie zeigt: Die meisten Paare finden sich beim ersten Treffen gar nicht so toll. Warum und wie wir diese Erkenntnis bei der Online-Partnersuche nutzen sollten, erklärt Psychologin Lisa Fischbach.
Früher ging das mit der Partnersuche so: Wir lernten den Freund des Nachbarn unseres Kindergartenfreundes kennen. Oder die Schwester der Freundin der Ex-Arbeitskollegin. Es sprühten vielleicht nicht gleich beim ersten Mal die Funken, aber wir trafen uns immer wieder mal, auf Partys oder Kaffeekränzchen, und entdeckten Gemeinsamkeiten, wurden vertraut und waren irgendwann verliebt. Es funkt nämlich gar nicht immer auf den ersten Blick, wie eine US-amerikanische Studie zeigt: Wissenschaftler interviewten Frauen, die gerade aus dem Standesamt kamen. Das Ergebnis: 20 Prozent von ihnen mochten ihren frisch Angetrauten nicht, als sie ihn das erste Mal trafen.
Doch was bedeutet diese Erkenntnis für die Suche im Internet, die ja als großen Vorteil hat, dass wir hier ganz zielgerichtet suchen und auch aussortieren können? Wir müssen keine lästigen Heuhaufen mehr durchforsten, sondern können unsere Nadel ganz gezielt herauspicken. Einfach unsere Wunschkriterien eingeben und schwups - steht da der Prinz oder die Prinzessin. So die Vorstellung. Die Wahrheit sieht, wie so oft, anders aus. Denn auch im Internet müssen wir einen zweiten Blick riskieren: "Die meisten Menschen brauchen Vertrauen, um tiefer gehende Gefühle überhaupt erst zuzulassen", erklärt Paarberaterin Lisa Fischbach. Es gibt nämlich mehrere Ebenen des Verliebens: "Der leidenschaftliche Teil der Liebe verliebt sich schneller, sucht Sex und läuft eher über die unbewussten, biochemischen Prozesse." Für die partnerschaftliche Liebe brauchen viele mehr Zeit und mehr Vertrauen.
Innerhalb der ersten Sekunden wissen wir häufig, ob unser Gegenüber ein potenzieller Partner sein und zu uns passen könnte. Blitzschnell sammeln wir Informationen über äußerliche Merkmale, Pheromone und biochemische Prozesse. Aber Verlieben ist ein hoch komplexes Phänomen, das die Wissenschaft bis heute nicht gänzlich entschlüsseln kann. Manchmal funkt es einfach nicht, obwohl die Voraussetzungen günstig sind. "Das kann am Aussehen, am Duft, am nicht kompatiblen Immunsystem liegen oder daran, dass wir uns einfach nicht einlassen können", so Lisa Fischbach. "Verlieben ist kein automatischer Prozess, erzwingen kann man es erst recht nicht, auch wenn alles zu stimmen scheint."
Die zielgerichtete Suche macht es in vielerlei Hinsicht leichter, einen Partner zu finden. Aber sie kann auch ein Hindernis sein. Nämlich dann, wenn ich meine Ansprüche allzu hoch schraube und bei jedem Kontakt denke: "Mal sehen, ob es nicht noch einen perfekteren Kandidaten gibt...".
Um das klar zu stellen: Sie sollen sich nicht mit dem oder der Erstbesten zufrieden geben. Aber ein Konsumverhalten, wie wir es beim Schuhkauf an den Tag legen, sollten wir ebenfalls vermeiden: "Wehren Sie sich bewusst dagegen. Hinterfragen Sie Ihre Haltung und verändern Sie sie anschließend. Immer weiter zu suchen anstatt zu finden, kann dazu führen, dass wir vor lauter Suchen das Ziel aus den Augen verlieren."
Keine Sorge, wir empfehlen Ihnen nicht, sich jemanden schön zu reden, der Ihnen beim ersten Mal überhaupt nicht gefällt. Aber dennoch empfiehlt die Paarberaterin: "Erwägen Sie ein zweites Treffen, wenn Sie sich nicht ganz sicher sind. Beim zweiten Date beobachten Sie dann ganz genau die Dinge, die Ihnen in einer Beziehung wichtig sind."
Versuchen Sie, eine Art Basisgefühl zu entwickeln für das, was Sie wirklich wollen und brauchen, um sich in einer Beziehung wohl zu fühlen. Und modifizieren Sie Ihre persönlichen Auswahlkriterien. So gelangen Sie zu einer neuen Sichtweise, die Ihren Blickwinkel auf mögliche Partner vergrößert. Das erreichen Sie natürlich nicht über Nacht. Laut Lisa Fischbach gehört dazu viel Selbstreflexion. Vielleicht müssen wir auch erst ein paar Mal auf die Nase fallen, damit genügend Veränderungswille entsteht.
So eine neue Überzeugung ist dann allerdings sogar doppelt förderlich: Sie riskieren einen zweiten Blick, auf einen Menschen, den Sie zuvor aussortiert hätten. Und Sie sagen "stopp", wo Sie sich zuvor eventuell auf jemanden eingelassen hätten, der Ihnen nicht gut tut. Geben Sie also sich und Ihrem Gegenüber ein wenig mehr Zeit. Sie können nur davon profitieren.
Annette Riestenpatt / Redaktion
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