
Faule Ausrede oder ernsthaft möglich? Und wenn ja, wie kann es zu so einer dramatischen Situation kommen?
In den letzten Wochen habe ich ein Paar beraten, die zu mir in die Praxis kamen und ihre Situation kurz und knapp mit: "Wir lieben uns, aber es geht nicht miteinander", beschrieben. Bei den Worten standen ihnen die Tränen in den Augen: Sie hätten zwei Jahren versucht, einen Weg miteinander zu finden, aber es wäre immer noch Sand im Getriebe. Jan hatte in den letzten Monaten einige Male gedroht, dass es so nicht weiter gehen würde und hatte das Ganze beendet. Sie konnten aber nicht voneinander lassen. Marie beteuerte, dass sie noch Kraft für diese Liebe hätte und solange sie fühle, dass es mehr gibt, was sie und Jan verbinde als sie trenne, würde sie alles für eine gemeinsame Zukunft geben. Für Jan schien die Bilanz von schönen Erlebnissen und Streit ebenfalls noch positiv zu sein, jedoch würde seine Hoffnung schwinden.
Im Sommer 2008 waren Sie sich näher gekommen, doch war zu diesem Zeitpunkt beruflich und privat viel in Bewegung. Das hatten sie am Anfang als Begründung akzeptiert, warum aus der Anziehung und der Verliebtheit nicht mehr Verbindlichkeit entstand. Ungünstiger Weise war Jan gerade zu dem Zeitpunkt in eine andere Stadt gezogen, hatte sich von seiner Ex getrennt und einen beruflichen Neustart gewagt. Das alles schien ihn so zu belasten, dass er der Beziehung weniger Aufmerksamkeit schenken konnte. Jedenfalls wurde das stets als Erklärung angeführt, wenn Elke kritisierte, wie oft er seine Belange über alles andere stellte. Verbrachten die beiden Zeit miteinander, war es ausnahmslos schön zwischen ihnen. Sie hatten die gleichen Interessen und Vorlieben, fast einen identischen Bio-Rhythmus und eine sehr leidenschaftliche Sexualität, die beide als besonders empfanden.
Elke beschreibt Jan als einen Mann, der sage, er liebe sie, aber wenig für sie Fühlbares täte, um diesem Gefühl Ausdruck zu verleihen oder stärker für Verbindlichkeit zu sorgen. So verpassten sie oft Chancen auf gemeinsame Zeit und Elke war anschließend sehr enttäuscht. Jan versteht sich häufig selber nicht, denn er sei in früheren Beziehungen ganz anders gewesen. In den folgenden Beratungsstunden erkannte Jan, dass der Grund für seine Zurückhaltung Angst vor einer tiefen Bindung und damit möglichen Verletzung ist. Er verhindert auf diese Weise unbewusst, sich mehr auf Elke einzulassen. Sie hingegen fühlt sich dadurch nicht geliebt, was manchmal zu Rückzug, mal zu mehr Forderung führt.
Das ist eine sehr subtile Dynamik. Oft herrscht die Überzeugung, wo Liebe ist, ist auch ein Weg. Doch leider ist das keine Regel! Liebe baut sicher Brücken, aber Angst ist immens zerstörerisch, vor allem in der Liebe. Jan und Elke erleben ein Auf und Ab hinsichtlich Nähe und Distanz, in Anziehung und Rückzug. Das warme, intensive und leidenschaftliche Gefühl verbindet und erschwert das Loslassen. Die unerfüllten und verletzenden Momente lassen einen hingegen zweifeln. Solange Jan seine Bindungsängste nicht bewältigt, wird er Elke im innersten nicht vertrauen können und sich nicht endgültig einlassen. Elke hat in der Beratung wahrgenommen, wie erschöpft sie davon ist, immer wieder gegen die inneren Barrieren bei Jan anzulaufen und dass sie mit dieser Art zu lieben nicht glücklich ist. Selbst bei so viel Übereinstimmung, Gefühl und Spaß im Bett hat Jan entschlossen, sich lösen zu wollen. Die Angst hat über die Liebe gesiegt. Eine sehr schmerzhafte Erkenntnis. Doch wenn nicht ausreichend Bereitschaft da ist, in die Auseinandersetzung mit sich selbst und seinem Gegenüber zu gehen, ersparen sich beiden durch die Trennung möglicherweise einen langen Leidensweg.