Geschrieben am 09.07.10 um 14:07 Uhr

Faule Ausrede oder ernsthaft möglich? Und wenn ja, wie kann es zu so einer dramatischen Situation kommen?
In den letzten Wochen habe ich ein Paar beraten, die zu mir in die Praxis kamen und ihre Situation kurz und knapp mit: "Wir lieben uns, aber es geht nicht miteinander", beschrieben. Bei den Worten standen ihnen die Tränen in den Augen: Sie hätten zwei Jahren versucht, einen Weg miteinander zu finden, aber es wäre immer noch Sand im Getriebe. Jan hatte in den letzten Monaten einige Male gedroht, dass es so nicht weiter gehen würde und hatte das Ganze beendet. Sie konnten aber nicht voneinander lassen. Marie beteuerte, dass sie noch Kraft für diese Liebe hätte und solange sie fühle, dass es mehr gibt, was sie und Jan verbinde als sie trenne, würde sie alles für eine gemeinsame Zukunft geben. Für Jan schien die Bilanz von schönen Erlebnissen und Streit ebenfalls noch positiv zu sein, jedoch würde seine Hoffnung schwinden.
Im Sommer 2008 waren Sie sich näher gekommen, doch war zu diesem Zeitpunkt beruflich und privat viel in Bewegung. Das hatten sie am Anfang als Begründung akzeptiert, warum aus der Anziehung und der Verliebtheit nicht mehr Verbindlichkeit entstand. Ungünstiger Weise war Jan gerade zu dem Zeitpunkt in eine andere Stadt gezogen, hatte sich von seiner Ex getrennt und einen beruflichen Neustart gewagt. Das alles schien ihn so zu belasten, dass er der Beziehung weniger Aufmerksamkeit schenken konnte. Jedenfalls wurde das stets als Erklärung angeführt, wenn Elke kritisierte, wie oft er seine Belange über alles andere stellte. Verbrachten die beiden Zeit miteinander, war es ausnahmslos schön zwischen ihnen. Sie hatten die gleichen Interessen und Vorlieben, fast einen identischen Bio-Rhythmus und eine sehr leidenschaftliche Sexualität, die beide als besonders empfanden.
Elke beschreibt Jan als einen Mann, der sage, er liebe sie, aber wenig für sie Fühlbares täte, um diesem Gefühl Ausdruck zu verleihen oder stärker für Verbindlichkeit zu sorgen. So verpassten sie oft Chancen auf gemeinsame Zeit und Elke war anschließend sehr enttäuscht. Jan versteht sich häufig selber nicht, denn er sei in früheren Beziehungen ganz anders gewesen. In den folgenden Beratungsstunden erkannte Jan, dass der Grund für seine Zurückhaltung Angst vor einer tiefen Bindung und damit möglichen Verletzung ist. Er verhindert auf diese Weise unbewusst, sich mehr auf Elke einzulassen. Sie hingegen fühlt sich dadurch nicht geliebt, was manchmal zu Rückzug, mal zu mehr Forderung führt.
Das ist eine sehr subtile Dynamik. Oft herrscht die Überzeugung, wo Liebe ist, ist auch ein Weg. Doch leider ist das keine Regel! Liebe baut sicher Brücken, aber Angst ist immens zerstörerisch, vor allem in der Liebe. Jan und Elke erleben ein Auf und Ab hinsichtlich Nähe und Distanz, in Anziehung und Rückzug. Das warme, intensive und leidenschaftliche Gefühl verbindet und erschwert das Loslassen. Die unerfüllten und verletzenden Momente lassen einen hingegen zweifeln. Solange Jan seine Bindungsängste nicht bewältigt, wird er Elke im innersten nicht vertrauen können und sich nicht endgültig einlassen. Elke hat in der Beratung wahrgenommen, wie erschöpft sie davon ist, immer wieder gegen die inneren Barrieren bei Jan anzulaufen und dass sie mit dieser Art zu lieben nicht glücklich ist. Selbst bei so viel Übereinstimmung, Gefühl und Spaß im Bett hat Jan entschlossen, sich lösen zu wollen. Die Angst hat über die Liebe gesiegt. Eine sehr schmerzhafte Erkenntnis. Doch wenn nicht ausreichend Bereitschaft da ist, in die Auseinandersetzung mit sich selbst und seinem Gegenüber zu gehen, ersparen sich beiden durch die Trennung möglicherweise einen langen Leidensweg.
5 Kommentare (älteste zuerst)
Antonia (12.07.10 23:37)
Ich habe nach einer vierjährigen Beziehung genau aus derselben Situation die Reißleine gezogen und mich getrennt. Es fiel mir sehr schwer, denn wir passten gut zusammen und haben viele schöne gemeinsame Unternehmungen erlebt. Aber Immer nach einem besonders schönen Wochenende mit intensiven sexuellen Erlebnissen oder nach einem gemeinsamen Urlaub zog sich mein Partner für ein bis zwei Wochenenden zurück. Zum Schluss wurden die Abstände immer größer. Besonders schmerzhaft war, dass er auch nach vier Jahren nicht mit mir und seinen Kindern und meinem Sohn Weihnachten feiern wollte. Es war sehr schwierig mit ihm darüber zu reden, denn er blockte alle Gespräche über die Beziehung und unsere Zukunft ab. Ich wurde immer unzufriedener und dadurch
kühler und versuchte auch ihn auszutricksen, indem ich mich auch entzog. Das schien ihn nicht zu tangieren: dann haben wir uns eben sechs Wochen nicht gesehen, sondern wie immer nur dreimal pro Woche telefoniert. Ich wusste, dass er als Ehemann auch wenig in der Familie war. Ich kam mir vor wie eine "Formalfrau". Andererseits hatte er bei unseren wenigen Aussprachen immer betont, dass er die Beziehung auf keinen Fall verlieren wolle.
Mir geht es nach einem halben traurigen Jahr jetzt richtig gut und ich bin wieder die lebenslustige,
selbstbewusste Frau, die ich vorher war. Dies als Trost für alle, die noch leiden. Frau kann das schaffen.
Franziska (17.07.10 04:52)
Ich bin im Moment genau in dieser Situation... Februar 2009 lernte ich ihn kennen, meinen Deckel. Er passte perfekt! Mein Traummann, er faszinierte mich auf der Stelle. Frau und Kinder eher weniger... Als er sich trennen wollte, fing seine Frau an alle Register zu ziehen... zuletzt: die Erpressung mit den Kindern. Also trennten wir uns "offiziell". Insgeheim änderte sich nichts. Erst war ich einverstanden... wir hatten einen Plan... aber es tat sich nichts. Er tanzte weiterhin nach ihrer Pfeife und verriet selbst seinen besten Freund... nur wegen ihr. Er hatte mich so oft im Regen stehen lassen, tat aber immernoch so als verlange ich das Unmögliche von ihm. Ich kämpfte 15 Monate, immer wieder hat er hin geschmissen, ich soll gehen, es würde mir besser gehen ohne ihn. Immer und immer wieder diese Worte. Aber ich gab nicht auf und kämpfte auch noch alleine an der Front weiter. Er sah nur unbezwingbare Berge um sich rum. Ich dachte immer, ich muß ihn nur aus diesem Tal herraus bekleiden, dann wird alles gut! Immer wieder beteuerte er, dass er mich liebt und ich glaube, dass das sogar ehrlich gemeint war. Aber seine Angst war größer... und so schickte er mich fort.. und diesmal ging ich. Meine große Liebe, gescheitert an zu viel Angst. Aber auch ich möchte das Gefühl haben, dass ich nicht alleine kämpfe...Ich kann nicht glauben, dass ich meinen Traummann wegen so etwas aufgeben musste.
daniela (26.07.10 18:58)
...es tut mir grad so sehr gut, dies hier zu lesen, denn ich dachte nicht, dass es noch anderen so geht wie mir!!! Habe auch die Situation mit meinem Herzensmann. Genau dasselbe: Wenn wir zusammen sind, ist es der Himmel auf Erden und am nächsten Tag ist er wieder distanziert. Ich hab ihm gesagt, dass es für mich in Ordnung ist, wenn er nicht beziehungsfähig ist, diese Art von Beziehung zu haben. Denn ich habe Kinder und brauch nicht diesen Alltagsstress, wo meistens viele Beziehungen kaputt gehen, wenn er nicht der Vater ist. So kann ich mich einfach nur als frau fühlen, wenn ich bei ihm bin. Doch irgendwie glaubt er mir das nicht. Denn er meint, ich solle mir einen Mann suchen, der besser zu mir passt. Wie kann ich ihm das glaubhaft machen, das ich so, wie es ist glücklich bin! Ich möchte ihn nicht verlieren. Ob ich ihn überzeugen kann? Denn die Liebe seinerseits ist ja auch noch da!!!
Anna (07.08.10 16:18)
Ich habe mir die vorgehenden Schilderungen durchgelesen und eine eigene Theorie dazu. Wir werden mit so viel Logik und zu rationalem Denken erzogen, dass wir es nicht gelernt haben mit subtil emotionalen Dynamiken zwischen zwei Menschen umzugehen. Was dabei raus kommt ist eher eine "Beziehung im Kopf"
Wie ich darauf komme?
Ich hatte selbst eine langjährige Beziehung mit einem Mann, bei dem ich sofort wusste "Der ist es. Diesen und keinen anderen." Allerdings entstand die Beziehung zu einem äußerst ungünstigen Zeitpunkt. Er, der gerade seine 11-jährige Beziehung beendet hatte, die gemeinsame Firma auflöste, mit ihr immer noch zusammen wohnte, gemeinsamer Freundeskreis, existenzielle Probleme usw. hatte vor der Zukunft (auch mit mir) Angst. Ich, die in 3 Wochen für mind. 1,5 Jahre 600km weit weg ziehen würde, um das Studium zu beenden, hatte Angst ihn zu verlieren.
Das Unmögliche mit jemandem zusammen möglich machen zu wollen ist ein so romantisches und zusammenschweißendes Vorhaben, welches die Beziehungsrealität an sich in den Hintergrund treten lässt. Natürlich hatten wir schöne Momente, lachten viel, inspirierten uns, aber wenn es darum ging, für den anderen da zu sein, die Nähe zuzulassen, um dann später wieder auf Distanz zu gehen, nahmen wir beide die Beine in die Hand und liefen. Wir lebten die Beziehung nicht, wir entwickelten im Kopf gemeinsam weiter und übersahen klare Signale, dass es nicht passte. Nämlich dass wir nicht fähig waren genau diesen Drahtseilakt zwischen emotionaler Nähe und Distanz in der Beziehung hinzubekommen.
Rückblickend fällt mir auf, dass eben solche Beziehungen aus Angst vor ihr entstehen.
anemone (09.07.10 17:18)
Ich habe diesen Artikel mit großem Interesse gelesen, weil ich in einer ähnlichen Situation bin. Vor gut 6 Monaten habe ich einen sehr netten, liebenswerten, ehrlichen und zärtlichen Mann kennen gelernt. Wir verstehen uns in allen Dingen sehr gut. Nach 3 Monaten machte er Schluss, das wäre ihm alles zu viel, er halte die Nähe und den "Druck" nicht aus und bot mir an "Freunde" zu bleiben. Wir gingen auf Distanz, dann telefonierten wir, trafen uns wieder, kamen uns näher und es war wieder sehr schön und harmonisch. Nach weiteren 3 Monaten das gleiche wieder. Er hätte Probleme mit Nähe, wäre nicht beziehungsfähig - sagte: "ich liebe dich nicht" - möchte mich aber nicht verlieren, bot mir wieder an "Freunde" zu bleiben. Ich habe es versucht, geht nicht. Wir kamen uns wieder näher und es ist wieder so schön und harmonisch. Wir genießen jede Minute zus., haben keinen Stress oder Streitigkeiten wenn wir zusammen sind - alles super. Nun läuft es seit 3 Wochen wieder in Harmonie - aber in mir steckt ständig die Angst. "Wann kommt der nächste Tiefschlag? Wann sagt er wieder, ich bin nicht beziehungsfähig?" Wir sind beide glücklich wenn wir zusammen sind - aber bei mir lebt die Angst mit! Wie kann ich ohne dass es mich zu viel Krft kostet damit umgehen? Ich muss noch dazu sagen, dass mein Freund mit Depressionen zu tun hat.